Interview zur Labor Notes Konferenz 2018

 

 

Interview mit Dan DiMaggio aus dem Vorbereitungskreis von Labor Notes

OKG: Die diesjährige Konferenz war die größte, die es je gab. Wie ist der Stand des Projekt Labor Notes und wie ist das Interesse von Arbeitern und Gewerkschafterinnen?

Derzeit läuft Labor Notes richtig gut und das wurde bei der Konferenz dieses Jahr sehr deutlich. Ich sage das, auch wenn man natürlich sehen muss, dass die Arbeiterbewegung permanent Angriffen ausgesetzt ist und vor enormen Herausforderungen steht, wie etwa der Janus-Fall zeigt. Und die Tatsache, dass es in den USA extrem schwer ist eine Gewerkschaft zu organisieren. Nur sechs Prozent der Arbeiter im privaten Sektor sind Gewerkschaftsmitglieder und ich kann mir kein Szenario vorstellen, indem sich das in absehbarer Zeit ändert. Kein Massenaufstand, auch wenn der Lehrer-Streik in West Virginia zeigt, wie schnell sich Dinge entwickeln können – er ist auf Oklahoma übergesprungen ist, auf Kentucky und bald vielleicht auch auf Arizona. Niemand meiner Generation, ich bin 35 Jahre, hat –denke ich – so etwas schon zuvor miterlebt, wie die Bewegung sich ausbreitet und die Theorie aus Textbüchern, nach denen Entwicklungen in Wellen passieren, tatsächlich Wirklichkeit wird.

Aber als Projekt entwickelt sich Labor Notes gut. Man muss sich ja vorstellen, was für eine kleine Organisation wir sind. Wir sind gerade mal eine Handvoll Hauptamtliche, mit mehr Ressourcen könnten wir wesentlich mehr machen. Aber das wir jetzt 3.000 Leute auf unserer Konferenz hatten, 700 mehr als letztes Jahr, das zeigt, wie Gewerkschaften und Arbeiter interessiert sind. Ich denke, die Menschen merken, dass Labor Notes einzigartig ist und deswegen zahlen die Gewerkschaften auch Geld für Fahrtkosten. Mir sagte etwa einer auf einem Panel: „Ich gehe zu jeder Menge Konferenzen und es ist keine wie Labor Notes.“

OKG: Was meint er damit?

Naja, wenn man sich zum Beispiel das Programm anguckt: Samstags 40 Workshops, Sonntag jede Menge, ich selbst habe fünf organisiert. Und ich dachte mir schon, diese Qual der Wahl ist schrecklich für die Leute, aber wir wollten den Raum geben. Das wirklich Einzigartige ist:  Es ist ein Erfahrungsaustausch direkt von Basisgewerkschaftern und Funktionären auf der lokalen Ebene, die eine kämpferische Gewerkschaften wollen. Es ist der Austausch von den Leuten mit den schwersten Jobs und ich würde auch sagen, ein Austausch unter den Engagiertesten. Sie gehen vielleicht zu Konferenzen in ihrer Gegend, mehr strukturiert, mehr top-down; und hier trifft man Leute aus der ganzen Welt. Und dann gibt es einen direkten Fokus auf die Vermittlung von ganz konkreten und nützlichen Fähigkeiten, die sie mit nach Hause nehmen können. Ideen, bei denen sie dann sagen können, die Idee bekam ich von der Labor Notes Konferenz. Ich sprach zu einem AT&T-Arbeiter aus San Diego, die einen langen Tarifkonflikt führten. Er war etwa 26 und erzählte von den verschiedensten kreativen Arten, wie sie ihre Streikposten gestaltet haben, auf Hauptstraßen et cetera. Und ich fragte ihn: Wo hast du all die Ideen her? Und er sagte: Oh, ich war bei der Labor Notes Konferenz in diesem Workshop zu kreativen Aktionen. Und außerdem ist es wirklich inspirierend mit all diesen Leuten zusammen zu sein. Es ist eine gewerkschaftsübergreifende Zusammenkunft, es ist die praktische Orientierung, und die Inspiration, die Labor Notes einzigartig machen.

OKG: Eure Verbindungen zu Sekretären scheinen über die Jahre sehr gewachsen zu sein.

Ja, es scheint so. Wir hatten immer einige lokale Sekretäre, die uns unterstützen. Ich kenne die Geschichte nicht so gut, aber wir hatten immer Unterstützung von Leuten mit Funktionen. Aber es stimmt, jetzt sind es mehr und sie schicken ihre Leute. Vor vier Jahren, verknüpfte die Busfahrergewerkschaft ATU ein eigenes Treffen mit unserer Konferenz und schickte dadurch etwa 400 Busfahrer. Sie wählten einen neuen Präsidenten für das nationale Büro. Das war das erste Mal, dass so etwas passierte. Es gibt ganz unterschiedliche Reaktionen von den oberen Ebenen der Gewerkschaften. Bei manchen extreme Feindlichkeit: Die Teamsters, zum Beispiel hassen uns und bestrafen sogar Leute, wenn sie etwas machen, was mit uns zu tun hat. Wir haben enge Verbindungen zu den Teamsters for a Democratic Union, die seit 40 Jahren das Zentrum der Gewerkschaftsreformer sind. Andere sagen: ‚Wir machen das doch schon alles. Labor Notes ist überflüssig.‘ Und wieder andere unterstützen uns mehr. Die ATU (Amalgamated Transit Union/Transportarbeitergewerkschaft des Öffentlichen Dienstes) sandte diesmal 150 Mitglieder, die Transportgewerkschaft aus New York schickte etwa 50 bis 100, und die Lehrergewerkschaft ist auf vielen lokalen Ebenen ein großer Fan von Labor Notes. Aber natürlich nicht auf allen Ebenen. Weil, wir sind ein oppositioneller Flügel in der Gewerkschaftsbewegung. Und natürlich mögen uns viele Sekretäre nicht, weil die Beschäftigten hier lernen, wie sie in Ämter kommen, ermutigt werden dort etwas zu verändern. Und das hassen manche natürlich. Die Menschen kriegen hier ihren eigenen Kopf und ihre eigenen Ideen.

OKG: Welche herausragenden Beispiele für gewerkschaftliche Erneuerung siehst du?

Ich kann nur einen kleinen Ausschnitt geben, die CWA (Communication Workers of America), die zum Beispiel bei der Telekom aktiv sind, sind eine gute Gewerkschaft. Ihre Mitglieder sind trainiert und vorbereitet, wenn sie streiken. Und sie machen auch politische Bildung. Sie schickten eine Delegation von Teamern zum Thema „die steigende Ungleichheit umkehren“, ein Programm, in dem sie Mitglieder den Finanzkapitalismus erklären. Sie sagen, dass Ziel des Programms ist, das Schweigen zwischen verschiedenen Organisationen zu brechen, zwischen Gewerkschaften, Community Gruppen, Umweltgruppen etc. Die Arbeiterbewegung hat hier großen Nachholbedarf über den eigenen Tellerrand zu gucken. Die CWA schickte etwa sechs Leute für ein Kurzprogramm. Ich fand das unglaublich, sie schulen Mitglieder andere Kollegen und Nachbarschaftsgruppen zu schulen. Und das wird nicht nur von Akademikern oder Doktoren gemacht mit Uniabschluss, sondern direkt von Leuten an der Basis, z.B. Beschäftigten von Verizon.

OKG: Was würdest du sagen, welchen Effekt hatte die Wahl Trumps auf die Arbeiterbewegung?

Ich bin noch nicht ganz sicher, aber ich denke es ist eine Art Anstoß, wie die Republikaner mit Waffen ausgestattet werden, um auf uns zu schießen. Nicht, dass die Demokraten so viel besser wären, aber die Republikaner wollen die Gewerkschaften zerstören. Das ist ihr Traum und jedes Mittel ist ihnen recht. Klar, Trump hat viele Stimmen aus der Arbeiterklasse bekommen. Und deswegen sind die Gewerkschaftssekretäre interessiert daran, dass Demokraten gewählt werden und deswegen wird das zum Teil für sie das Hauptziel und der einzige Schwerpunkt. Und in diesem Sinne hat die Wahl Trumps alle aufgeschreckt, bis in den Winkel, der mit den Demokraten besonders verzahnt ist. Zu viele Sekretäre, vor allem auf den oberen Ebenen, sagen, die Demokraten müssen gewählt werden. Und dann stellt sich raus, dass die keine Ahnung haben.

Traditionell haben die Gewerkschaften eine politische Abteilung, die auch stark ist und diese entscheidet, wer der wählbarste Kandidat ist, zum Beispiel Hillary Clinton. Sie sind aktiver Teil darin, die Strategie der Demokraten auszuarbeiten. Es sind nicht die Demokraten allein, die sagen, das ist unser Kandidat, sondern die Gewerkschaften sind integraler Bestandteil der demokratischen Maschinerie. Und es zeigt sich, dass die Gewerkschaften keine Ahnung haben, wer der am wählbarsten Kandidat ist. Ihr Handbuch ist unsinnig. Sie produzieren diese schrecklichen Kandidaten mit, die überhaupt nicht inspirierend sind. Sie müssten Arbeiter bilden oder eine Vision für Arbeiter produzieren. Aber sie tun nichts dafür. Das hat die Glaubwürdigkeit der politischen Strategie der Gewerkschaften beschädigt.

Die Janus-Entscheidung stellt jetzt einiges in Frage. Sie verändert die Anreize für die Gewerkschaftsorganisation. Einige Gewerkschaften, nicht alle, reagieren auf unterschiedliche Arten und Weisen. Eine Sache bewirkt der Fall insgesamt aber:

In der Vergangenheit konntest du als Hauptamtliche/r fantastisch im Organisieren sein oder nicht, die Gewerkschaften haben das gleiche Geld erhalten. Und deswegen ist es – vom Budget der Gewerkschaften aus gesehen – nicht notwendig gewesen, eine gute mitgliederorientierte Politik zu machen. Das Urteil stellt das jetzt auf den Kopf. Plötzlich ist es wichtig, dass Mitglieder gewonnen werden.

Es war also in ‚closed shops‘ nicht notwendig eine enge Beziehung zu den Mitglieder haben. Selbst wenn man aus der Gewerkschaft ausgetreten ist, zahlt man den gleichen Betrag. Die Sekretäre haben verschiedene Interessen: an der Macht bleiben, oder eine militante Gewerkschaft aufbauen, oder so wenig wie möglich arbeiten – und dann gibt es den kalten Fakt des Geldes. Jeder Sekretär hat das Budget im Kopf oder bekommt Druck von anderen Ebenen wegen der Finanzen.  Wenn du als Hauptamtlicher nicht in der Lage bist, Menschen für eine Mitgliedschaft zu gewinnen, wird es für die Organisation nun zu einem Problem – obwohl du vorher für sie wichtig gewesen sein magst, weil du vielleicht bei den Delegiertenwahlen passend abgestimmt und keinen Ärger gemacht hast. Jetzt wird es zur Pflicht, Mitglieder zu gewinnen.

OKG: Ich würde gern zurück zu Labor Notes. Was sind  die aktuellen Herausforderungen für Labor Notes?

Gute Frage. Es gibt viele, aber die größte ist: Wie wachsen wir? Wie können wir mehr tun? Wir wissen, dass die Arbeit wertvoll ist, aber wie schaffen wir es mehr zu machen. Wir sind eine Graswurzelorganisation, wir sind nicht professionelle Fundraiser oder Buchhalter. Das andere ist, unsere Rolle in dieser Zeit zu identifizieren. Als Labor Notes entstand, war der Schwerpunkt oppositionelle Gruppen zur Veränderung der Gewerkschaften herauszubilden und zu stärken, innerhalb der Automobilgewerkschaft, den Stahlarbeitern, den Teamsters et cetera. Jetzt sind viele Gewerkschaften schwächer, viele unterstützen uns, und deswegen stellt sich die Frage, wie navigiert man in dieser Situation? Wenn du wachsen willst, und die Gewerkschaften vielleicht sogar sagen, sie geben uns Geld für Trainings: Wie sichert man die Unabhängigkeit ab? Und dann: Wie erreichen wir mehr Menschen? Was ist unsere Rolle, wenn so wenig gewerkschaftlich organisiert sind. Wir sind ein Bildungs- und Organizing-Projekt. Historisch war unsere Rolle zu sagen, die Arbeiterbewegung wieder lebendig werden zu lassen von innerhalb der Gewerkschaften. Das ist nicht wirklich passiert. Was ist also unsere neue Strategie? Das Büro von Labor Notes war in Detroit, weil dort das Herz der Industriearbeiterschaft in den USA war. Und das hat sich geändert.

OKG: Wie diskutiert ihr das? Ihr macht gute Arbeit, seid besser vernetzt, und die Gewerkschaftsbewegung ist trotzdem in der Defensive.

Ich bin nicht sicher. Die DSA (Democratic Socialists of America) ist seit 2016 von 6.000 auf 30.000 angewachsen. Ok, großartig – aber Trump ist Präsident. Unsere Konferenz ist riesig – aber die Arbeiterbewegung ist schwach. Es ist wichtig wahrzunehmen, dass die Dinge in Bewegung sind. Und wir regen wichtige Entwicklungen an.  Wir hatten einen Workshop, indem es darum geht, wie die Gewerkschaften von den Mitgliedern aus gestärkt werden können und wie Mitglieder andere Unorganisierte organisieren können. Wenn die UAW (United Auto Workers)-Mitglieder in den drei wichtigsten Automobilkonzernen gewinnen würden, wie würde sich das auf die Unorganisierten auswirken. Die UAW hat dafür keine Ressourcen bereitgestellt. Demgegenüber: Die CWA haben sich angestrengt und konnte Bedingungen halten bei Verizon, bei T-Mobile. Wir haben die große Antwort nicht. Die meisten würden das sagen, wir haben keine klare Strategie. In den 30ern hatte die kommunistische Partei und andere linke Organisationen eine klare Strategie: du gehst in den Betrieb und organisierst. Wir sollten wahrscheinlich zu diesen Diskussionen zurück. Aber wir sind noch im Anfangsstadium dieser Diskussion.

OKG: Wenn wir in Deutschland über innovative Ansätze in den Gewerkschaften reden, dann fällt meist der Begriff ‚Organizing‘. Organizing kann bekanntlich verschiedenes bedeuten ­– auf der einen Seite ‚Aufbau gewerkschaftlicher Aktivengruppen im Betrieb‘ und auf der anderen Seite ‚bloße Mitgliederrekrutierung‘. Welche Bedeutung hat ‚Organizing‘ in den US-Gewerkschaften derzeit?

In vielen Gewerkschaften arbeiten Organizer nur an der Mitgliederrekrutierung. Wir sind nicht dagegen, dass Gewerkschaften Mitglieder gewinnen. Aber der effektivste Weg, das zu tun, ist, eine betriebliche Gewerkschaftspräsenz aufzubauen und höllisch für die Kollegen und Mitglieder zu kämpfen. Es gibt ein Organizing-Verständnis, das darin besteht, zu wissen, wie man ein Gespräch führt und jemanden ‚Gewerkschaft‘ verkauft. Ich bin sicher, dass das wahrscheinlich in den meisten Fällen so läuft. Aber glücklicherweise gibt es auch andere Ansätze. Es gibt Ansätze die Gewerkschaften dynamischer und kämpferischer zu gestalten wie die Lehrergewerkschaft aus Massachusetts.

OKG: In Deutschland ist das Beispiel der SEIU sehr bekannt. Wie wird Organizing dort derzeit angewendet?

Es gibt sehr gute SEIU Locals. Andere wiederum mögen Labor Notes nicht. Aber um deine Frage kurz zu beantworten: Es gibt eine sehr klare Trennung bei SEIU zwischen ‚internal‘ und ‚external organizing.‘ Es ist der Fall, dass es in zahlreichen Fälle so ist, dass du Hauptamtliche hast, die nur nach dem Modell arbeiten:  Du arbeitest nur an Erschließungskampagnen bzw. in Kampagnen zur Neumitgliedergewinnung und dann wird das Projekt an jemand anderen übertragen. 

Da gibt es professionelle Organizer, die Beziehungen aufgebaut haben und Leute in die Gewerkschaft bewegt haben, und dann wird den Mitgliedern eine neue Person vorgesetzt. Die Organizer sagen dann: ‚Ich muss weiterziehen!‘ Das finde ich absurd Das ist total entfremdet! Aber die Gewerkschaften machen das.

OKG: Welche Rolle spielt die Demokratisierung der Gewerkschaften für die Erneuerung?

Das ist essentiell. Nur wenn ‚wir die Gewerkschaft sind‘, können sich die Gewerkschaften erneuern.

OKG: Das ist ein schönes Schlusswort. Ich dank dir sehr für das Gespräch!

 

 

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